Interview mit Tanja Ries vom Gangway e.V. zum Street College

Tanja Ries, Koordinatorin des Street College
Tanja Ries, Koordinatorin des Street College

Dein letzter Glücksmoment beim Händewaschen?

Ich gestalte gerne Räume und gebe dabei einzelnen Wandflächen eine neue Farbe. Wenn ich dann wieder einmal so eine Aktion gestartet habe, ist das Händewaschen danach der Moment, in dem ich mich freue, weil etwas fertig ist.


 

Was ist das Street College?

Wir geben Menschen, die aus dem üblichen Bildungssystem herausgefallen sind, oder sich dort nicht wiederfinden die Möglichkeit, das zu lernen, was sie lernen möchten. Und zwar auf die Art, die zu ihnen passt. Dabei haben wir kein vorgefertigtes Angebot, sondern der Impuls für die Lerninhalte kommt immer von den Teilnehmenden selbst.

 

Viele Menschen denken, dass es unmöglich ist, durch das soziale System zu rutschen. Warum passiert es trotzdem?

Im Bildungsbereich passiert das ziemlich schnell bei den Menschen, die von der Leistungsorientierung unseres Systems überfordert sind. Das beginnt oft schon in der Grundschule. Es ist doch verrückt, dass nach neun Jahren Schule manche Schüler immer noch nicht lesen und schreiben können.

 

Und wie kommen diese Jugendlichen zu euch?

Manche kommen über Freude, andere über die Streetworker*innen.  Gangway e.V. macht seit 25 Jahren Jugendsozialarbeit auf der Straße. Unsere über 80 Mitarbeiter gehen im öffentlichen Raum auf die Jugendlichen zu und holen sie dort ab, wo sie gerade stehen. Und mit öffentlichem Raum meinen wir den Alexanderplatz und urbane Nischen ebenso wie die digitalen Räume. 

 

Worin liegt die größte Herausforderung für eure Arbeit im STREET COLLEGE?

Da gibt es zwei Aspekte: Zum einen müssen wir den Jugendlichen oft den Mut (zurück) geben, an sich selbst und ihre eigenen Ideen zu glauben. Ihnen vermitteln, dass es in ihrer Hand liegt. Und die zweite Herausforderung ist es, für eine zieloffene Arbeit wie unsere eine gesicherte Finanzierung zu bekommen. Wir arbeiten bedarfsorientiert, das heißt, wir wissen oft nicht, wofür sich die Jugendlichen begeistern werden. Das entspricht nicht der Logik des Fördersystems.

 

Wir möchten ja gerne Veränderung im Konsumverhalten anstoßen, auch bei euch geht es um Veränderung. Womit fängt Veränderung aus Deiner Sicht an?

Einerseits entsteht Veränderung aus der Not. Anderseits aus der Begeisterung für eine Sache; einen Menschen oder eine Art zu leben. Wir freuen uns, wenn die Jugendlichen aus dem zweiten Beweggrund zu uns kommen. 

 

Und wann ist eure Arbeit erfolgreich?

Ganz klar: Ab dem Strahlen auf den Gesichtern, weil etwas aus eigener Kraft gelungen ist. Und wenn wir sehen, wie die Jugendlichen wachsen. An sich und den Herausforderungen, die sie sich selbst suchen.

 

Was gefällt euch an care2share?

Es ist so einfach und naheliegend, sich mit einer Alltäglichkeit gesellschaftlich zu engagieren. Und das ganz mühelos.

 

Wofür werdet ihr das Geld einsetzen?

Es gibt unterschiedliche Ansatzpunkte auch abhängig von der erreichten Summe: Wir ermöglichen beispielsweise Jugendlichen ohne Schulabschluss, sich auf die außerschulische Prüfung für die BBR (Hauptschulabschluss) vorzubereiten. Dort arbeiten wir aktuell ohne Finanzierung, weil diese ausgelaufen ist. Ein anderes dringendes Thema sind Räumlichkeiten – viele Jugendliche haben ein Interesse am Upcycling von Möbeln. Uns fehlt aber der Raum, um diesem Wunsch nachzukommen. Mit dem Geld von care2share könnten wir diesen im besten Falle finanzieren.

 

Herzlichen Dank für Deine Zeit!

 

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